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Wir

Gerade scrollt man sich sozialmedial durch eine Landschaft von “Das wird man ja wohl mal wieder sagen dürfen!” und “Nationalismus ist wie dein Hauptschulzeugnis, scheiße.” Der eine verteidigt Deutschland dieser Tage nicht am Hindukusch, sondern mit den Radkappen und Spiegelsöckchen in Schwarz-Rot-Gold auf dem Weg zum leicht verhassten Job. Der andere kämpft mit Facebook-Kommentaren gegen eine scheinbar nationalistische Übermacht, die nun aus jeden hervorzuquellen scheint. Das Bild was sich abzeichnet ist ein gespaltenes, verunsichertes schwarz-weiß-gemaltes, was eine Identität zu suchen scheint. Geht es hier um die Möglichkeit besoffen, halbnackt auf der Motorhaube fremder Autos zu stehen und eine Fahne in bestimmten Farben schwenken zu können und dabei kein schlechtes Gewissen haben zu müssen, oder handelt es sich um rechtes Gedankengut, was in der Mitte der Gesellschaft lange heranreifte, um sich nun entladen zu können, wo es doch völlig ok ist, mal auf was stolz zu sein? Ich denke, die Fragestellung muss eine andere sein und hat sehr viel mit dem Wort Stolz zu tun. Warum wollen wir stolz sein und worauf kann man überhaupt stolz sein? Viele haben dieser Tage ihre eigene Existenz mit einer Anspannung aufgeladen, die sich mit dem Endspiel entladen hat. Der Erfolg von einer Mannschaft diente als Multiplikator zu eigenen Aufwertung. Ok, der Chef hat meine Leistung wieder nicht gewürdigt, aber wenigstens haben die Jungs gewonnen. Damit hat nicht nur gefühlt die Mannschaft gewonnen, sondern jeder einzelne, obwohl er nichts weiter tat, als zuzusehen, zu schreien, sich hineinzusteigern und eine Endorphinausschüttung zu genießen, die er seinem Körper selbst beschert hat. Gefühlt haben so alle gewonnen. Ja, wir haben gewonnen. Haben wir wirklich gewonnen? Können wir stolz darauf sein? Nein, wir können uns freuen. Freuen für Sportler, freuen für eine Mannschaft und alle, die mit und für diese arbeiten. Aber Stolz können wir nicht sein, denn wir haben keine Eigenleistung erbracht. Wenn wir selbst schneller und weiter laufen, besser funktionieren, Projekte erfolgreich abschließen und Gutes tun. Wenn wir die Welt zu einem angenehmeren Ort machen und nicht mehr ganz so scheiße sind, dann kann man Stolz sein. Weil das aber bei den wenigsten funktioniert, projizieren wir den Erfolg einer Mannschaft auf uns. Die deutsche Nationalmannschaft gewinnt, ich bin deutsch, also habe auch ich ein kleines bisschen gewonnen. Das dies so funktioniert, wurde mir klar, als ich auf der leeren Straße stand, gerade geparkt hatte und mit dem Abpfiff einzelne Schreie aus verschiedenen Gebäuden kamen. Man spürte wie dort eine Last von Menschen abfiel, die einmal mehr ausgeblendet haben, dass sie einen Job haben, den sie nie wollten und die nun mehr Haare auf dem Rücken, als auf dem Kopf haben. Gerade ist aber alles, was sonst so Scheiße ist, nicht existent. Gerade sind sie Weltmeister geworden, auf ihrer Couch, mit der Hand am 7. Bier und mit 17kg zu viel am Körper. Ich freu mich für die Jungs, die da mit dem Ball die Spiele ihres Lebens spielen durften. Ich freue mich für einen Trainer, der jetzt nicht zerrissen wird, sondern der seinen Job gut gemacht hat. Ich freue mich für jeden, der Stolz auf seine Leistung sein kann.

P.s.: Ich habe noch nie verstanden, warum man einen Verein haben muss, knick knack.

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